Trump sagte am 19. Juni in einem vorab aufgezeichneten Axios-Interview, er sehe Anthropic nicht länger als Bedrohung der nationalen Sicherheit an. Das Unternehmen habe sich „sehr verantwortungsvoll“ verhalten. Er erklärte, eine Lockerung der Exportkontrollen für die Modelle Fable 5 und Mythos 5 in Betracht zu ziehen, fügte jedoch hinzu: „Ich bin mir nicht sicher, ob das nötig ist“ – eine Formulierung, die ihm Spielraum für die nächsten Schritte lässt. Dies stellt eine erhebliche öffentliche Kehrtwende Trumps in Bezug auf Anthropic dar und steht in krassem Gegensatz zu der konfrontativen Haltung der vergangenen Monate. Der Wendepunkt war der G7-Gipfel am 18. Juni: Anthropic-CEO Dario Amodei traf Trump in Évian-les-Bains (Frankreich) zu direkten Gesprächen. Amodei schlug den G7-Staatschefs gemeinsam mit Google DeepMind-CEO Demis Hassabis eine von den USA geführte KI-Allianz vor und positionierte Anthropic dabei als Partner statt als Regulierungsobjekt. Trump räumte zudem ein, dass die derzeitige Lage für die Regierung „ein enormes rechtliches Risiko“ darstelle.
Gleichwohl besteht weiterhin eine Diskrepanz zwischen den politischen Signalen und der offiziellen Rechtslage. Die vom Handelsministerium am 12. Juni erlassene Exportkontrollverordnung wurde noch nicht formell aufgehoben; die Risikoeinschätzung des Pentagon zur Lieferkette besteht ebenfalls fort. Eine Aufhebung der Anordnungen würde ein separates Verwaltungsverfahren erfordern. Laut von TNW enthüllten Randinformationen hatte Großbritannien bei der US-Regierung für eine Ausnahme geworben, jedoch ohne Erfolg. JPMorgan Chase hat den Zugang zu Anthropic-Diensten für seine Mitarbeiter in Hongkong gesperrt. Auch die EU-Cybersicherheitsbehörde ENISA hat unter diesen Umständen Gespräche mit Anthropic vereinbart. Anthropic selbst hat sich noch nicht öffentlich dazu geäußert, ob es seine Leitlinien zu militärischen Produkten anpassen wird – genau dieser Punkt war seit März der zentrale Streitpunkt der gesamten Auseinandersetzung. Amodeis diplomatische Offensive gegenüber den G7-Staaten hat zu einem politischen Durchbruch geführt; für die rechtliche Freigabe bedarf es jedoch noch eines formellen Schrittes des Handelsministeriums.